
Marktkommentar: 30.06.2026
Kapitäne auf hoher See
Täglich sind Schiffe auf den Weltmeeren wechselhaften Wetterbedingungen ausgesetzt. Es gibt Zeiten der Flaute, aber auch heftige Stürme. Die Schiffe sind dafür gebaut, selbst gewaltigen Wellen standzuhalten. Schwieriger wird es jedoch, wenn nicht die Natur, sondern der Mensch den Seeverkehr beeinträchtigt. In der Strasse von Hormus sitzen über tausend Schiffe fest. Dies hat veranschaulicht, wie abhängig wir von einer freien und sicheren Seefahrt sind. Es stellt sich die Frage, wer ist für die Einhaltung der freien Seewege verantwortlich?
Die Wellen schlagen von einer deflationären Phase in ein inflationäres Umfeld auf. Die Teuerungswelle dürfte auf höherem Niveau verharren, trotz eines allfälligen Endes des Iran-Krieges. Die globale Schifffahrt und mit ihr die Weltwirtschaft stehen vor einem Denkmodell-Wechsel. Es gilt die Globalisierung und die Wirtschaften neu zu denken.
Der Transportbedarf bleibt enorm. Die Öl- und Gasreserven müssen wieder aufgefüllt werden. Es fehlen in den Reserven-Speichern über eine Milliarde Fässer Öl, zusätzlich zum Verbrauch von über 100 Millionen Fass Öl pro Tag. Die Öl- und Gaspreise haben die Teuerung nochmals beschleunigt. Diese Rohstoffe sind nach wie vor unverzichtbar für die globale Wirtschaft, obwohl die Investitionen in erneuerbare Energien an Fahrt gewinnen.
Energieintensive Produkte, wie Düngemittel, sind massiv teurer geworden. Rund ein Drittel der weltweiten Düngemittelproduktion stammt aus dem Nahen Osten, beziehungsweise wird über die Strasse von Hormus transportiert. Dies wirkt sich unmittelbar auf die Nahrungsmittelproduktion aus.
Für eine höhere Inflationswelle sorgen umfangreiche Geldströme, welche in die reale Wirtschaft fliessen und für höhere Löhne und eine bessere Wirtschaft sorgen. Der Protektionismus beschleunigt die Investitionen in die Wirtschaft, da Unternehmen näher bei ihren Absatzmärkten neue Produktionsstätte errichten. Die Konsumenten verbrauchen vermehrt ihre Ersparnisse auf, um die Teuerung abzufedern.
Eine grosse Welle kommt mit der Anhäufung von strukturell hohen Staatsdefiziten auf uns zu. Hohe Sozialausgaben, Investitionen in Rüstung und höhere Zinszahlungen für die Kredite erhöhen die Staatsschulden. Zentralbanken finanzieren die hohen Staatsschulden mit kurzfristigen Krediten. Die Zentralbanken verhalten sich eher restriktiv. Eine Erhöhung der Geldmengen durch die Zentralbanken würde die Teuerung weiter ansteigen lassen.
Kapitäne von Ländern, die politischen Entscheidungsträger, bestimmen den Kurs ihrer Schiffe. Sie tragen die Verantwortung, stabile wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen und gleichzeitig die Sicherheit ihrer Bevölkerung zu gewährleisten. Hinzu kommt der demografische Wandel. Es gibt immer weniger Erwerbstätige im Verhältnis zu Rentnern, da weniger junge Menschen in den Arbeitsmarkt rücken. Umlageverfahren geraten damit an ihre strukturellen Grenzen. Es werden neue Fachkräfte gesucht. Es gilt Reformen anzustossen und die Crew fit zu halten.
Auch der russische Kapitän Putin steht vor grossen Herausforderungen. In den vergangenen vier bis fünf Jahren haben unter seiner Knute Hunderttausende von gut ausgebildeten jungen Männern das Land verlassen, um der Wehrpflicht zu entgehen. Dazu kommen sehr tiefe Geburtenraten, sodass die Regierung keine demografischen Daten mehr veröffentlicht.
Die Kapitäne der deutschen Politik tragen Mitverantwortung dafür, dass ihre Wirtschaft seit 2019 bei null Prozent Wachstum stagniert und dürfte auch Demografie bedingt gegen null tendieren. Das bedeutet Wohlstandsverluste, explodierende Defizite in Staatsfinanzen und Sozialkassen, politische Polarisierung und intensivierte Verteilungskonflikte. Fehlendes Wachstum erhöht den Druck auf den Sozialstaat, während steigende Abgaben wiederum das Wachstum bremsen. Zusätzlich steigt die Arbeitslosenzahl trotz des demografischen Wandels. Das Schiff muss ertüchtigt und kompetitiver werden, vor allem mit Kosteneffizienz.
Ein positiver Entwicklungsstrom ist, dass die US-Zölle vom Supreme Court gekippt wurden. Dies zeigt auf, dass die Gewaltentrennung in den USA immer noch intakt ist. Zahlreiche Unternehmen beantragen Rückzahlungen im Wert von ca. USD 140 Mrd. Allerdings müssten die Konsumenten ebenfalls etwas zurückbekommen, welche die höheren Preise der Unternehmen bereits bezahlt haben.
Die Weltflotte möchte ihre Lieferketten-Abhängigkeit von China in zahlreichen Bereichen reduzieren. Dies betrifft unter anderem Permanentmagnete, die für Elektromotoren, Windräder, Kampfjets und Drohnen essenziell wichtig sind. Diese werden nun vermehrt ausserhalb China produziert. Es finden Verlagerungen von Produktionsstätten nach Indien und Vietnam statt. Neue Local-for-local-Konzepte werden entwickelt.
Damit die Weltwirtschaft ihren Zielhafen sicher erreicht, müssen freie und sichere Handelswege gewährleistet bleiben. Davon können alle profitieren. Mit der Welle der künstlichen Intelligenz werden die meisten Branchen durchgeschüttelt, wo auch Produktivitätssteigerungen möglich sind. Attraktiver werden Jobs mit sozialer Interaktion. Unternehmen, welche die künstliche Intelligenz effizient anwenden, werden zu den Gewinnern zählen. Dazu gehören der Dienstleistungssektor, das Finanz- und Gesundheitswesen sowie der Industriesektor, welche mit einer effizienten Anwendung stark profitieren werden. Die Aktienkurse werden darauf reagieren.
30.06.2026/TOF
Weitere
Marktkommentare:
2.Q. 2026 Kapitäne auf hoher See
1.Q. 2026 Weisse Fläche, schwarzer Punkt
4.Q. 2025 Fussball-Weltmeisterschaft 2026
2.Q. 2025 Bessere Prognosen treffen
1.Q. 2025 Europa ein Wespen-Nest?
4.Q. 2024 Magie eines Zauberers
3.Q. 2024 Biotechnologie zwischen Euphorie und Realität
2.Q. 2024 Die Sonne blinzelt durch die Wolken
1.Q. 2024 Der Schweizer Franken ist Top
3.Q. 2023 Künstliche Intelligenz ein Feuerwerk wird gezündet
2.Q. 2023 Ein Marathon am Finanzmarkt
4.Q. 2022 Spannung am Gotthard Tunnel
3.Q. 2022 Der Adler schlägt zu bei leichter Beute
2.Q. 2022 Die Hefe wird weiter Zucker konsumieren
1.Q. 2022 Nationen haben keine Freunde Nationen haben Interessen
4.Q. 2021 Der Truthahn wird noch immer fleissig gefüttert
Gold Spieltheorie und der drohende Abgrund
3.Q. 2021 Sich eine Zweitmeinung zulegen
2.Q. 2021 Gelbe und rote Karten für die Finanzmärkte
1.Q. 2021 Auf der richtigen Welle surfen
3.Q. 2020 Von der Komplexität des Tennis-Spiels
2.Q. 2020 Denken und fühlen wie ein Kopfsalat
1.Q. 2020 Angeln mit oder ohne Badehose
1.Q. 2019 Appenzeller Steckengeiss